Skip to content Skip to footer

Beiträge: Veranstaltungsabend am 08. März zum Internationalen Frauentag (08.03.2023)

Zum Internationalen Frauentag: Veranstaltungsabend am 08. März 2023 mit Beitrag des Integrationsrats (08.03.2023)

Am 08.03.2023 veranstaltete die Stabstelle für Gleichstellung und Integrations einen Abend zum Internationelen Frauentag mit einem vielfältigen Programm. Auch der Tübinger Integrationsrat war beteiligt. Hier die Redebeiträge von Nilgün Doğan und Ana Mejias:


Weltfrauentag 2023 – Die Absurditäten des Alltags

„Liebe Gäste,
Wir, Ana und ich, sind Integrationsrätinnen. Heute möchten wir Ihnen kleine Einblicke in die Absurditäten unseres Alltags geben. Wir haben dieses Thema gewählt, da wir denken, dass wenn Frauen, die den Alltag so bewältigen, auch zu Krisenzeiten immer sich zu helfen wissen. Ich möchte Ihnen heute eine kleine Anekdote aus meinem Alltag schildern.
Kurz zu den Gegebenheiten: Wir zählen das Jahr 2015. Ein Umzug innerhalb Tübingens erst neu vollzogen, nach jahrelanger Trennung frisch geschieden und glücklich mit nur einem sechsjährigen Kind und nicht wie man mir schon auch zugerufen hat, mit vier Kindern! Wie dem so ist, muss die Wohnungseinrichtung der neuen Wohnung angepasst und folglich ein Bett gekauft werden! Der Weg in ein schwedisches Möbelhaus ist unumgänglich geworden, ein größeres Auto wurde von einer Freundin geliehen, Sohn versorgt und gut untergebracht. All das erledigt machte ich mich auf den Weg in das besagte Möbelhaus. Dort wurde das Bett ausgesucht, im Lager gefunden und schon holte mich die Realität ein. So viele Teile, so schwer, wie bekomme ich alles in den Einkaufswagen? Nach dem ersten Schreck, wurde ein Mitarbeiter angesprochen und mit seiner Hilfe alles in den Einkaufswagen geladen und auch bezahlt. Erleichtert und voller Vorfreude auf das Möbelstück ging ich zum Aufzug Richtung Parkhaus. Kaum aus dem Aufzug ausgestiegen, kam auch schon der zweite Schreckgedanke: Wie um Gotteswillen bekomme ich diese großen und schweren Teile in das Auto. Noch im gleichen Moment hörte ich eine Stimme die mich aus meinen Gedanken rausgerissen haben. Eine Frau rief mir beim vorbei gehen zu: „Na lässt ihr Mann sie allein alles tragen?“ „Ich bin geschieden! Ich schaff das auch allein!“ kam prompt aus meinem Mund.Bisschen genervt, bisschen gestresst aber auch bisschen ermüdet von den nicht enden wollenden Vorurteilen.

„Und zu meinem Erstaunen, drehte sich genau in diesem Moment dieselbe Frau um, kam auf mich zu, packte kurzerhand mit an und meinte zugleich: ‚Wir Frauen müssen doch zusammenhalten!'“

Nilgün Doğan

Genau Zusammenhalt! Das war das richtige Wort! Es war Balsam auf meiner Seele!
Immer wieder gegen Vorurteile kämpfen zu müssen, als Frau sich immer wieder aufs Neue beweisen zu müssen, sich in allen Ebenen des Alltags erklären zu müssen passiert leider auch im Jahre 2023 immer noch viel zu oft. Dann in Kombination mit Vorurteilen gegen Menschen mit Migrationsgeschichte macht all das nicht einfacher. Ich wünsche mir das Zusammenhalt vordergründig zum Alltag gehört. Das man nicht im Anblick von Frauen, die offensichtlich Migrationsgeschichte haben, davon ausgeht, dass diese nur hilfsbedürftige Frauen sind und das man ganz genau ihre Geschichte und auch ihre Bedürfnisse bereits kennt.
Ich wünsche mir im Alltag mehr Smalltalks bei ersten Begegnungen mit u.a. Themen über das Wetter eben nur Themen eines ganz gewöhnlichen Alltags.“
Nilgün Doğan


„Als Migrantin habe ich keine Angst vor Krisen. Ich weiß, was es bedeutet, bei null anfangen zu müssen, und ich fühle mich in der Lage, es immer wieder zu schaffen.

„Um den Alltag als Frau mit Migrationsgeschichte zu bewältigen, habe ich Strategien entwickelt, um die Vorurteile der Gesellschaft zu ignorieren.“

Ana Mejias

Das Wichtigste ist, dass ich keine Kommentare persönlich nehme. Ich habe eine Art Liste, bei der jeder Vorurteil eine entsprechende Antwort hat. Ich versuche dabei nicht arrogant zu wirken, denn ich weiß, dass die meisten Menschen es gut meinen. Zum Beispiel, wenn man mir sagt: „Was machen Sie hier, wenn Sie im „Paradies“ geboren sind?“, antworte ich: „Die meisten haben mein Heimatland als Touristen kennengelernt… Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, Venezuela ist kein Paradies… Nicht jetzt, aber auch nicht früher. Also lebe ich hier, genau wie Sie, und genieße die Karibik nur im Urlaub.“ Oder viele denken, dass Salsa tanzen mein Hobby ist und dass ich ein großer Fan von Shakira bin. Ja, ich kann tanzen und habe in meiner Jugend Shakira gehört. Aber ich liebe auch klassische Musik und wir können gerne mal gemeinsam zum Konzert gehen. Ich habe vier Kinder und bin seit Jahren alleinerziehende Mutter. Als sie noch in der Schule waren, wurde mir oft das Gefühl vermittelt, dass ich auf finanzielle Unterstützung angewiesen wäre, ich wurde auch dies bezüglich des Öfteren angesprochen. Aber das war nicht der Fall. Ich weiß, dass ich statistisch gesehen diese Art der Unterstützung vielleicht gebraucht hätte. Aber was ich wirklich brauche und was jeder Mensch braucht, sind angenehme Begegnungen. Ein „Wie geht es dir?“ statt einem „Wo kommst du her?“ An dieser Stelle muss ich auch gestehen, dass Vorurteile unteranderem auch von Frauen kommen. Diese haben sich manchmal schnell, manchmal weniger schnell in Verlauf von Gesprächen gelöst. Wenn wir jemanden kennenlernen, sollten wir versuchen, den Menschen zu sehen und nicht die Vorurteile, die wir mit seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Äußerlichkeiten verbinden.
Unser Weg als Frau ist oft schwierig, als alleinerziehende Mutter wird die Lage nicht unbedingt einfacher und als Migrantin ist es eine echte Herausforderung. Aber es wird leichter, wenn wir als Frauen zusammenhalten.“
Ana Mejias

Ana Mejias und Nilgün Doğan – Foto: Lale Tipieser
Luzia Köberlein – Foto: Lale Tipieser
Veranstaltung zum Internationalen Frauentag im Tübinger Rathaus – Foto: Neslihan Canpolat
Ana Mejias und Nilgün Doğan – Foto: Lale Tipieser